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Brief vom 10.10.1944

Jablunkau, den 10.10.44.

Meine lieben Eltern und liebe Ilse!

Recht vielen Dank für Eure Briefe, Nr. 48, 49 und 51, die ich gestern bzw. heute erhielt. Außerdem kam ein Brief von Ilse vom 3.10.44 gestern mit an. Auch hierfür danke ich bestens.

Heute will ich nun wieder mal etwas von mir hören lassen. Ob ich allerdings einen 6 Seiten langen Brief zusammen bringe, glaube ich nicht. Außerdem ist es bereits wieder ½ 9 Uhr Abends. Ich komme eben nie früher zum Schreiben. Wenn ich es mir schon einmal vorgenommen habe, gleich nach dem Abendbrot zu schreiben, dann kommt aber bestimmt irgend etwas dazwischen. Gestern hatte ich wieder Nachtwache und zwar 4 Stunden. Das merkt man schon ganz anständig. Morgen habe ich wieder.

Nun aber zu Euren Briefen.

Habt außerdem recht vielen Dank für die 6.00 RM, die Ihr mir mit beigelegt habt. Es war allerdings nicht nötig, denn Geld habe ich zur Zeit in rauhen Mengen. Ich habe wohl noch gar nicht geschrieben, daß wir schon wieder Geld bekommen haben? Jawohl. Wir bekommen jetzt für den Tag 1,-- RM, weil wir doch im Einsatz sind. Für September haben wir 16,50 RM bekommen, da wir doch erst ab 18.9. in Einsatz waren und für Oktober genau 30,-- RM. Also den ganzen Oktober. Ihr braucht Euch also keine Sorgen zu machen, daß ich etwa kein Geld mehr habe.

Das ist ja interessant, daß Du, lieber Vatel den Vormund von diesem Brietzel machen sollst. Ich persönlich kenne ihn nicht.

Von der Firma habe ich noch keine Post wieder erhalten. Auch den Stollberger Anzeiger bekomme ich nicht. Na, das ist ja mir schließlich egal. Mich wundert nur, daß Frl. Puschmann so vernünftig war.

Hat denn Ilse schon etwas von ihrer Röntgenaufnahme gehört?

Auch auf das nächste Paket von Euch freue ich mich. Es ist wieder mal etwas anderes und vor allen Dingen, etwas von „zu Hause“! Das ist wichtig. Liebe Muttel, die Sachen, die Du immer gebacken hast, schmecken wirklich ausgezeichnet. Ich glaube, so was gibt es auf der ganzen Welt nicht zu kaufen. Und außerdem sind die Päckchen immer so gut verpackt, daß alles in bester Ordnung ankommt. Wenn Ihr da manchmal Päckchen sehen würdet, wie die hier ankommen, da würdet Ihr die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Kürzlich kam auch ein Päckchen an, da war an der Seite ein Loch, so groß wie eine Faust und drinnen war weiter nichts, als 3 leere Zigarettenschachteln. Der Arbeitsmann hätte am liebsten geheult, als er nun sein leeres Päckchen in den Händen hielt. Daß es noch solche Schweinehunde gibt, die anderen noch ihre armseligen Sachen stehlen, kann ich bald nicht begreifen.

Daß ich etwa zu wenig esse, darüber braucht Ihr wirklich keine Angst zu haben. Ihr müßtet nur mal sehen, wie ich mein Essen verdrücke. Unsere Köchin, eine ehem. Tschechin, hat mich schon manchmal gefragt, wo ich das ganze Zeug hin esse. Wir haben hier im Lager große Schüsseln aus Zink und Blech. Die sind im Durchmesser ½ Meter und hoch 20 cm. So eine Schüssel voll Kartoffelstückchen mit Möhren, Kraut und noch anderem Gemüse habe ich auf einem Male verspeist. Ich bekomme nämlich immer das, was übrig bleibt und das ist immer noch eine ganz schöne Menge. Na, und da war eben diese Schüssel voll Kartoffelstückchen übrig, da habe ich sie eben ausgegessen. Allerdings konnte ich dann nicht mehr stehen. Ich bin dann auf meine Truppstube gekrochen und habe mich in meine Falle gelegt und 5/4 Stunde geschlafen. Vor einer Woche habe ich mich mal wiegen lassen. Nur mit Turnhose habe ich 124 Pfund gewogen. Also genau 20 Pfund zugenommen, denn wo ich her kam, habe ich 104 Pfund gewogen. Ich war aber platt, als die Waage diese Gewicht anzeigt. Ich dachte erst, da würde noch jemand mit drauf stehen, aber ich war der Einzige.

Am vergangenen Sonntag war ich wieder im Kino. „Johann“ wurde gespielt. Ich habe den Film zwar schon einmal gesehen, aber was tut es schon, wenn ich mir ihn noch einmal ansehe. Morgen zum Mittwoch gehe ich warscheinlich wieder, aber da muß ich mich dazu halten, denn ich habe ja Nachtwache.

Mein „Weißer Traum“ ist auch unbeschädigt angekommen. Ja, ob wir zum Kameradschaftstreffen den ganzen „Weißen Traum“ aufführen, daß weiß ich noch nicht. Das wird allerdings mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden sein. Ich muß eben erst einmal sehen, wie die Sache klappt. Der Kameradschaftsabend steigt in der Woche unserer Entlassung.

Ja, was nun Euren 1b. Ratschlag betrifft, so muß ich jetzt schon sagen, daß ich der gleichen Meinung bin. Allerdings hat mir vorgestern der Oberstfeldm. Gesagt, er müsse sich erst noch einmal mit dem Arbeitsgauführer in Verbindung setzen, denn es wäre ja noch zu bedenken, daß ich Uffz.Bew. bin und das Heer braucht ja auch ihre Leute. Hoffentlich klappt alles und geht gut. Aber, wenn ich entlassen würde, und käme dann nach Chemnitz, wäre das auch nicht gerade schlecht. Na, warten wir ab.

Ich glaube wohl kaum, daß ich, bevor das Paket ankommt, entlassen bin, denn 2 Wochen vorher erfahren wir den Entlassungstermin schon.

Nun möchte ich aber auch wieder zum Schluß kommen. – Bleibt nun alle recht gesund und seid bis zum nächsten Brief wieder herzlichst gegrüßt von

Eurem

Wolfgang

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Stand: 21.10.02