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Brief vom 10.09.1944

Jablunkau, den 10.9.44.

Meine lieben Eltern und Ilse!

Ich möchte Euch heute nur einen kleinen Brief schreiben, da ich sehr wenig Zeit habe und es ja bereits wieder 9.00 Uhr ist. Inzwischen ist auch wieder Post von Euch eingegangen. Auch das Paket ist schon da. Das ging diesmal ziemlich schnell. Es war alles noch in Ordnung und genießbar, außer 1 ½ Birne. Eine war total verschimmelt und die Andere halb angefault. Es wäre also nicht zu raten, beim nächsten Päckchen wieder Obst mir rein zu legen. Außerdem bitte ich Euch, mir vorläufig kein Päckchen wieder zu schicken, denn seit 3 Tagen müssen hier die Pakete im Speisesaal aufgemacht werden und der Inhalt wird unter dem ganzen Trupp verteilt. Es ist ansich eine Gemeinheit. Wenn da einem das Paket aufgemacht wird und der Inhalt in 18 Stückchen zerkleinert wird und man bekommt dann selbst nur genau soviel, wie der, der (der) kein Paket bekommen hat. Es wäre also bestimmt schade, denn Ihr spart Euch diese Dinge ab und hier werden sie unter der Meute verteilt. Mein Paket ist allerdings nicht aufgemacht worden, da ich eben das Glück habe, in der Schreibstube zu sein. Allerdings werde ich ab Montag wahrscheinlich wieder einmal etwas Außendienst mitmachen, sonst bekomme ich überhaupt keine Farbe. Immer in der Schreibstube ist nämlich auch nicht gerade angenehm. Man wird dann langsam „stur“! Heute ist nun schon wieder Sonnabend und damit wieder eine Woche herum. Morgen werden hier 20 Mann entlassen, die nach Wien zur OT müssen. (Viel Vergnügen)

Ich bin heute ziemlich müde, denn vergangene Nacht hatte ich wieder Wache. Wir müssen hier aller 3 Tage Wache stehen. Heute Nacht hatte ich von 1.00 – 3.00 Uhr. Die zwei Stunden Schlaf fehlen einem schon. Von Vatel habe ich auch schon Post erhalten, aus dem Krankenhaus. Liebe Ilse! Auch Deine liebe Karte vom 3.9. sowie der Brief vom 6.9. ist hier angekommen. Ebenso Dein Brief, liebe Muttel, vom 5.9.44. Freuen tue ich mich natürlich immer. Heute kam auch ein Brief von Arnold Mutter aus Aue und gestern eine Karte von Kunzens. Frau Kunz schreibt, daß sie sich freuen würde, wenn Du, liebe Muttel nach Mechtal kämst und ich solle auch Urlaub einreichen. Allerdings geht das nicht bei mir, denn bei uns ist Urlaubssperre. Sonst könnte ich sie schon mal besuchen. Weiter habe ich von Gotthard Claus, der bei Müllers Buchhandlung gelernt hat, Post bekommen. Er ist Luftwaffenhelfer. Die Adresse hat er sich von Kellers schicken lassen. Das finde ich prima. Dagegen ist von dem werten Frl. Puschmann immer noch keine Post eingetroffen. Auch Raymund oder irgend jemand anders hat mir nicht geschrieben, außer Elfriede Erler. Na und auf diese Post lege ich ja keinen wert! Mir ist auch egal, ob mir nun jemand von der Firma schreibt oder nicht. Ich bekomme ja von Euch Post und da freue ich mich bei einem Brief viel mehr, als wenn ich 20 von der Firma bekommen würde. Nun muß ich aber schließen, denn erstens wird das Papier alle und zweitens ist es auch schon wieder ziemlich spät.

Der Führer vom Dienst, das ist heute Obertruppführer Autengruber, ein Wiener übrigens hat schon zu mir gesagt: „Jetzt machst ober Schluß, Komrod, sonst arbeitst Du mir jo noch bis morgn Früh“.

Über den könnte man ja immer lachen. Ich verstehe mich hier mit allen Führern sehr gut. Gestern gab es wieder Reis mit Fruchtsaft und da bin ich nicht satt geworden, da bin ich wieder in die Küche. Da stand Otf. (Obertruppführer) Bayer dort. Den fragte ich, ob ich noch etwas Reis bekommen könnte, da ich nicht satt wäre, worauf er zu dem Küchenbullen sagte: „Da geben Sie dem Engewald noch eine ordentliche Portion Reis und die doppelte Portion Butter drauf, mit ordentlich Zucker und Saft“. Da habe ich wieder gegessen, bis ich bald geplatzt bin. Aber das war auch wieder etwas feines. Na, morgen früh gibt es wieder Brötchen. Prima! Bei Euch auch?

Ihr werdet nun wohl morgen Vatel besuchen. Ich will ihm morgen Früh auch gleich schreiben.

Liebe Muttel! Wegen der Socken bzw. Strümpfe brauchst Du keine Angst haben, ich zieh nur Fußlappen an, denn in den Stiefeln zerreißt man nämlich die Strümpfe so sehr. Die wollenen Socken, die ich mit hatte, haben ganz große Löcher in der Verse.

Nun muß ich aber wirklich Schluß machen, und aus dem kleinen Brief ist auch schon ein ganz schöner großer geworden.

Also bleibt alle recht, recht gesund und seid vielmals herzlichst gegrüßt von

                                                               Eurem Wolfgang

Liebe Muttel und Ilse!

Ich habe ganz vergessen, die Brotmarken, die Ihr mir geschickt habt, kann ich leider nicht gebrauchen, da ich ja keine Möglichkeit habe, mir Brot zu kaufen, und wenn ich schon von der Post mir dann eins mitbringen wöllte, so kann ich das ja auch nicht ins Lager schmuggeln, denn wo will ich das dann verbergen!

Also, recht vielen Dank aber leider!

                                                               Gute Nacht!

                                                               Euer Wolfgang

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Stand: 21.10.02