Brief vom 21.08.1944
(Poststempel Jablunkau, d. 21.8.44)
(Blatt 1 nicht vorhanden)
...
Wie ich aus Eurem
lieben Zeilen ersehen konnte, ist Muttel bereits wieder gelandet. Na, liebe
Muttel, da hattest Du ja ganz schön zu schleppen, wenn Du von Stollberg mit den
Beeren gelaufen bist, aber die Freude über die schöne Ernte hat es bestimmt
etwas erleichtert. – Wie es im Garten aussieht, kann ich mir vorstellen, aber
was mir hier nicht gefällt, das ist, daß wir hier kein Stück Gemüse bekommen.
Keine Möhren, kein Kohlrabi, nicht einmal als Gemüse zum Mittagessen. Auch noch
kein Kraut gab es. Pieonja! Das fehlt mir sehr, so mal in eine frische
Möhre beißen! Na, nach dem Krieg ... !
Daß Euer liebes
Paket auch gekommen ist, habe ich Euch ja schon geschrieben. Aber der Kuchen und
die Plätzchen waren noch prima und haben herrlich geschmeckt. Wenn daß so weiter
geht, mit den Päckchen, komme ich dann wie ein Weihnachtsmann nach Hause, so bin
ich dann mit Päckchen und Schachteln bepackt. Hier gehen täglich mehr Pakete
ein. Ungefähr im Durchschnitt täglich 25 Stück. Mit einem Pferdewagen fahren wir
auf die Post. Der Oberfeldmeister hat schon angekündigt, daß, wenn daß so weiter
geht, er die Pakete alle zurückschicken lassen will. Im WE. war es ja genau so.
Heute sind wir das zweite Mal geimpft worden. Diesmal gegen Typhus. Noch 3 Mal
werden wir geimpft. Es ist gar nicht so schlimm. Heute Abend haben wir wieder
Wache. Viel Vergnügen! – Von der Firma habe ich immer noch keine Post. Ich
schreibe aber auch nicht. Wenn die eben keine Zeit haben, dann habe ich erst
recht keine. –
Die kommende
Woche bekommen wir unsere Raucherkarten. Bei uns ist die Ration auch auf 2 Stück
gekürzt. Na, ich glaube, wenn das so weiter geht, kann ich alle Zigaretten
wieder mit nach Hause nehmen. Übrigens muß ich noch beim Verwalter, das ist
Unterfeldmeister Poiger jeden Morgen das Zimmer aufräumen und am Sonnabend früh
habe ich Blumen geholt, frische Wäsche und noch ein Bett organisiert für mein
Zimmer. Da kam nämlich seine Frau. Und als Dank, weil ich es so „schön“ gemacht
hätte, wie er gesagt hat, erhielt ich eine große Packung Zigaretten. Ist doch
prima. Und nun noch etwas: Am Abend (Sonnabend) hat mir der Abteilungsführer,
d.h. Ofm. (Oberfeldmeister) Ludwig einen Leitartikel für seinen nächsten
Politischen Unterricht in die Maschine diktiert, das waren 5 DIN A 4 Seiten
(diese größten Bogen). Ich habe ganz schön geschwitzt, aber als ich ungefähr die
Hälfte geschrieben hatte, sagte er, ich solle mit auf sein Zimmer gehen und mich
dort erst einmal stärken. Ich war erstaunt und konnte gar nichts sagen im
Augenblick. Aber platt war ich, als der mir einen erstklassigen Kuchen dar gibt
und noch ein paar Plätzchen, mit Marmelade gefüllt usw. Da haben wir uns über
Bücher unterhalten, also einfach prima war das. Da bin ich nicht einmal duschen,
Wäsche waschen gegangen und hätte beinahe noch das Abendbrot vergessen. Na, wenn
das so weiter geht, halte ich es aus! – Soeben habe ich das Abendbrot verspeist.
Das gab es heute auf der Stube. Tee, Brot, Butter, Wiener Würstchen (___
natürl.) und 5 Bonbons. War gar nicht schlecht. Übrigens ist es so 90 %, daß wir
am 10. Oktober bereits entlassen werden. Wir haben nämlich die Dienstausweise
ausgestellt und alle gültig bis 10.10.44. Das wäre prima. Außerdem sollen wir in
Einsatz kommen. Aber nur der 2. Und 3. Zug. Ich bin 1. Zug (2. Trupp). Der 1.
Zug soll zur Lagerbewachung und der 4. zur Ordnungserhaltung im Lager da
bleiben. Wir hören es jetzt auch schon krachen. Von der Front. Vor allem nachts,
wenn es ruhig ist, hört man es ganz deutlich.
--
Knäckebrot
bekommen wir hier nicht. Habt ihr nicht viel Rosenkohl geerntet? Schade, daß ich
nicht zu Hause bin. Alarm haben wir auch öfters. Erst heute Mittag wieder. Die
Flieger können wir auch ganz deutlich sehen. Geld benötige ich nicht! –
Liebe Muttel.
Warst Du auch bei der Arnold Mutter? Haben die auch schon meinen Brief erhalten?
Hoffentlich bekomme ich da auch einmal Post. Na ich denke schon!
Nun liebe Ilse,
habe ich Dir recht vielen Dank für Deinen liebe karte. Nun bist Du wohl wieder
die Kochsorgen los! – Auf Deinen angekündigten Brief freue ich mich schon
wieder. –
In unserer Stube
singen sie jetzt gerade das Lied: „Es geht alles vorüber.“ Das ist unser
Stammlied! Ja, lieber Vatel, wenn wir wieder Zigaretten bekommen würden, so
würde ich einen leeren Karton, den ich von Euch erhalten habe, mit Zigaretten
vollgestopft absenden, aber so, da lohnt es sich ja nicht. Höchstens, wenn ich
zweiten Tag eine Schachtel zusätzlich bekommen würde! –
Nun will ich aber
schließen!
Pironja,
ich habe ja schon 6 Seiten voll. Ich glaube, da habt Ihr wieder einmal genug!
Nun bleibt alle recht gesund und seid recht herzlich gegrüßt
von Eurem
Wolfgang