Brief vom 18.08.1944
Jablunkau, d. 18.8.44
Meine lieben Eltern und liebe Ilse!
Soeben erhielt ich Euren lieben Brief Nr.
10 vom 15.8.44. Habt recht vielen Dank dafür. Daß ich mich natürlich gefreut
habe, könnt Ihr Euch ja vorstellen. Auch das liebe Paket ist nun eingetrudelt.
Ich habe es noch gar nicht aufgemacht. Die gesamte Abteilung hat heute Abend
noch eine Kundgebung in der Stadt. Es sind nur wenige Arbeitsmänner in dem
Lager. Für heute bin ich nun mit dem Dienst fertig. Ich will Euch aber noch
schnell einen kleinen Brief schreiben. Bei mir ist es ja immer so, daß es auf
dem letzten Drücker wird. Ich habe sehr wenig Zeit.
Von der Firma
habe ich immer noch nichts erhalten. Keinen Brief, keine Karte, keine Zeitung
und nichts. Ob die so in Arbeit überhäuft sind, daß sie gar nicht mehr zum
Schreiben kommen oder wer weiß, was da los ist. An Kunzens habe ich auch heute
geschrieben. Auf die Antwort bin ich ja gespannt! Ja, lieber Vatel, wegen des
Geldes brauchst du keine Angst zu haben. Ich kann ja vorläufig nichts kaufen.
Erst wenn wir Ausgang haben. Dann bekommen wir auch inzwischen unsere Löhnung.
Das ist ja ein Heidengeld was wir da bekommen.
Zigaretten haben
wir auch schon einmal bekommen. 24 Stück jede Woche. Das sind allerhand. Da kann
ich sogar wieder welche mit nach Hause nehmen. Die Woche ist bald um und ich
habe erst eine geraucht. Teils weil ich keine Lust habe und andererseits
habe ich auch keine Zeit.
Abends bin ich
froh, wenn ich mich in meine Falle legen kann.
Sonst geht es mir
noch sauwohl. Hunger leide ich nicht, gesundheitlich bin ich auch wieder auf der
Höhe, na und was soll es noch mehr. Post bekomme ich ja auch, also kann ich
zufrieden sein.
Ob ich zu Kunzens
fahren kann, bzw. will, weiß ich noch nicht. Soviel wie ich bis jetzt gehört
habe, gibt es nur Mittwochs von 5,00 Uhr, Sonnabends von 4,00 Uhr und Sonntags
von 2,00 Uhr Nachmittags Ausgang. Vormittag ist immer Dienst und zur Zeit ist
U r l a u b s s p e r r e!
Muttel ist also
in die Heidelbeeren gefahren. Doch nicht etwa, damit ist sie dann wegessen kann,
wenn ich nach Hause komme. Daß Ihr mir nur nicht Dinge aufhebt, die Ihr Euch
dann von Eurer geringen Zuteilungsmenge abdarbt. Das kommt natürlich nicht in
Frage. Ich habe hier bestimmt nicht Hunger zu leiden.
Außerdem gibt es
hier öfters Dinge, die ich zu Hause selten hatte. Zum Beispiel haben wir jeden
Tag Magermilch, das ist ganz pfundig. Quark gibt es auch öfters. Also man kann
sich hier wirklich nicht beklagen.
Liebe Ilse,
entschuldige bitte, wenn ich Dir gestern Abend nur so ein Bißchen geschrieben
habe, aber es war auch die höchste Zeit, daß ich aufgehalten habe, denn ich war
kaum mit dem letzten Fuß im Bett, als auch schon die Tür aufging und der F.v.D.
kam rein zur Stubendurchsicht. Da gab es übrigens etwas zu lachen. Der
Arbeitsmann, der die Stube abgemeldet hat, muß jeden Arbeitsmann an die Füße
riechen, ob sie stanken. Derjenige mußte dann sich die Füße noch waschen. In
unserer Stube war aber nur ein Mann.
Wann kommt denn
Muttel wieder? Vielleicht schreibt sie mir mal von Aue aus. Oder ist sie
inzwischen schon wieder in Oelsnitz? Dann bevor meine Post ankommt, ist ja schon
wieder die Hälfte der neuen Woche um. Ein Klavier haben wir hier in der
Abteilung leider nicht. Eine Kantine haben wir hier auch, allerdings bekommen
wir da nicht viel zu sehen. Die ist nur für die Führer da.
Nun möchte ich
aber schließen, denn auf meiner Stube wartet ja noch mein Paket. Da freue ich
mich schon drauf. Es ist ja schon ¼ 10 Uhr.
Also, bleibt alle
recht gesund und schreibt bald wieder. !!
Es grüßt Euch
aufs Herzlichste
Euer Wolfgang